Predigt über das Adventslied „Wie soll ich dich empfangen“

Paul Gerhardt, Evang. Gesangbuch Nr. 11

  1. Wie soll ich dich empfangen / und wie begegn ich dir, / o aller Welt Verlangen, / o meiner Seelen Zier? / O Jesu, Jesu, setze / mir selbst die Fackel bei, / damit, was dich ergötze, / mir kund und wissend sei.

    2. Dein Zion streut dir Palmen / und grüne Zweige hin, / und ich will dir in Psalmen / ermuntern meinen Sinn. / Mein Herze soll dir grünen / in stetem Lob und Preis / und deinem Namen dienen, / so gut es kann und weiß.

    3. Was hast du unterlassen / zu meinem Trost und Freud, / als Leib und Seele saßen / in ihrem größten Leid? / Als mir das Reich genommen, / da Fried und Freude lacht, / da bist du, mein Heil, kommen / und hast mich froh gemacht.

Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,
in einer Woche kann das Fest der Liebe kommen. Aber ist es das? Ist das „Fest der Liebe“, wie die Geschäftsleute Weihnachten gerne nennen, von den passenden Geschenken für unsere Liebsten abhängig? Ich habe da so meine Zweifel. Warum? Weil ich nach wie vor davon überzeugt bin, dass die wichtigste Frage des Advent nicht die ist nach den passenden Geschenken (- so wichtig Geschenke sind und so sehr sie zum Weihnachtsfest dazu gehören). Für uns als Christen ist nach wie vor und alle Jahre wieder die wichtigste Frage: Wie soll ich dich, Jesus, empfangen? Und erst in diesem Zusammenhang können dann auch Geschenke eine Rolle spielen.
Also gehe ich dieser Frage auch heute wieder ein wenig nach. Mit einem Lied aus der Zeit des 30jährigen Krieges. „Wie soll ich dich empfangen?“ ist ein Adventsklassiker von Paul Gerhardt. Über das Lied mit seinen zehn Strophen könnte man lange nachdenken. Ich will heute mit Ihnen einmal überlegen, wer denn wohl so fragt: „Wie soll ich dich empfangen?“
Natürlich fragtMaria so. Sie ist die erste, die so fragt. Sie wusste ja, was das für ein Kind war, das sie dort unter Ihrem Herzen trug. Der Engel des Herrn hatte es ihr gesagt: „… du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein, … und er wird König sein … und sein Reich wird kein Ende haben.“ Natürlich fragt Maria so. Sie hatte allen Grund, so zu fragen: „Wie soll ich dich empfangen / und wie begegn ich dir?“ Vielleicht hat sie erst einmal ganz nüchtern gefragt: Wo begegne ich dir? Josef, ihr Verlobter, hat ihr es dann gesagt, als sie sich aufmachen mussten nach Bethlehem. Wo soll ich dich empfangen? In einem Stall! Der König soll in einem Stall geboren werden. Mit dieser Situation musste sie fertig werden. Das würden sie schon schaffen. Aber dass da einer geboren wird, der „aller Welt Verlangen“ ist, das konnte Maria wahrscheinlich nicht begreifen. Sie erlebt es erst 30 Jahre später, wie man ihrem erwachsenen Sohn „Palmen und grüne Zweige“ hinstreut.
Sie, Maria, sie „stand in Spott und Schanden“. Was, liebe Gemeinde, wird sie sich alles hat sagen lassen müssen, damals in Nazareth. Eine junge Frau, unverheiratet, ist schwanger. Das war ein Skandal. Aber sie lässt das alles über sich ergehen. Sie weiß: Da ist einer in mir, der macht „mich groß“, der hebt „mich hoch zu Ehren“, der schenkt „mir großes Gut“. Davon hat sie etwas auf ewig. Dieses große Gut, „das sich nicht lässt verzehren, wie irdisch Reichtum tut“.
Eigentlich sind die vier ersten Strophen dieses Paul-Gerhardt-Liedes ein Marienlied. Ein Lied, das diese Frau singen könnte, die Gott ausgewählt hat für die Geburt des Erlösers der Welt. Wie soll ich dich empfangen? Vielleicht hat Maria nicht so gefragt wie Paul Gerhardt. Aber mit ihrem Leben und mit ihrer Liebe für Jesus hat sie klare Antworten auf die Frage gegeben.
„Wie soll ich dich empfangen?“  Maria fragt so.
Und Paul Gerhardt fragt so. Er, liebe Gemeinde, der große Liederdichter des 17. Jahrhunderts fragt so. Er hatte Nöte und Schrecken und Angst und Krieg, weiß Gott, kennen gelernt.  11 Jahre alt war er, als der Krieg begann, der drei Jahrzehnte dauern sollte. Seine Frau starb früh und von ihren fünf Kindern starben vier kurz nach der Geburt. Doch diese äußere Not führte bei ihm nicht zur Verzweiflung. Im Gegenteil. Seine tiefe Frömmigkeit, sein starkes Gottvertrauen spüren wir noch heute in seinen Liedern.
Wie könnte er sonst schreiben: [in der 3. Strophe] „Als mir das Reich genommen, / da Fried und Freude lacht, / da bist du, mein Heil, kommen / und hast mich froh gemacht“. Oder [in der 6. Str.] „Das schreib dir in dein Herze, / du hochbetrübtes Heer, / bei denen Gram und Schmerze / sich häuft je mehr und mehr.“ Da konnte er wirklich mitreden. Der 30jährige Krieg hatte schwer genagt an den Menschen.
Flucht, Verfolgung, die schreckliche Pest, Tod – alles Leid, was Menschen nur erfahren können, war zu Tage getreten. Trotzdem dichtet er weiter: „… seid unverzagt, ihr habet / die Hilfe vor der Tür; / der eure Herzen labet / und tröstet, steht allhier.“
Wenn ich, liebe Gemeinde, Paul Gerhardts Leben richtig verstehe, das, was ich darüber gelesen und gehört habe, dann kann ich mir gut vorstellen, dass der erste Vers dieses Adventsliedes eine Grundfrage und eine Grundbitte seines Lebens war: „Wie soll ich dich empfangen / und wie begegn ich dir?“ und „O Jesu, Jesu, setze / mir selbst die Fackel bei, / damit, was dich ergötze, / mir kund und wissend sei.“  Jesus, das Licht des Lebens, ihn wollte er kennen lernen; ihm wollte er dienen in seinem Leben; seine Fackel sollte seinen Weg hell machen.
Und Paul Gerhardts Lieder sind nicht nur Advents- oder Weihnachtslieder, Passions- oder Osterlieder. Sie sind immer auch Lieder, die die Ewigkeit im Blick haben. So endet sein Lied [in der 10. Strophe] mit einer großen Bitte: „Ach komm, ach komm, o Sonne, / und hol uns allzumal / zum ewgen Licht und Wonne / in deinen Freudensaal.“ Aber das ist nur das ganz große Ziel seines Lebens. Erst einmal wartet Paul Gerhardt auch im Advent 1653 auf das Kommen des Königs, der die Welt verändert.

4. Ich lag in schweren Banden, / du kommst und machst mich los; / ich stand in Spott und Schanden, / du kommst und machst mich groß / und hebst mich hoch zu Ehren / und schenkst mir großes Gut, / das sich nicht lässt verzehren, / wie irdisch Reichtum tut.

5. Nichts, nichts hat dich getrieben / zu mir vom Himmelszelt / als das geliebte Lieben, / damit du alle Welt / in ihren tausend Plagen / und großen Jammerlast, / die kein Mund kann aussagen, / so fest umfangen hast.

6. Das schreib dir in dein Herze, / du hochbetrübtes Heer, / bei denen Gram und Schmerze / sich häuft je mehr und mehr; / seid unverzagt, ihr habet / die Hilfe vor der Tür; / der eure Herzen labet / und tröstet, steht allhier.

7. Ihr dürft euch nicht bemühen / noch sorgen Tag und Nacht, / wie ihr ihn wollet ziehen / mit eures Amtes Macht. / Er kommt, er kommt mit Willen, / ist voller Lieb und Lust, / all Angst und Not zu stillen, / die ihm an euch bewusst.

Wie soll ich dich empfangen? Paul Gerhardt zeigt uns, Liebe Gemeinde, dass diese Frage eine Antwort hat, wenn wir sie wirklich an uns heranlassen. Denn: Er kommt. In den Strophen 7, 8 und 9 macht Paul Gerhardt das sehr schön deutlich: [in der 7. Str.] „Er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust“; [in der 8. Str.] „er kommt den Sündern zu wahrem Trost und Heil“ und [in der 9. Str.] „er kommt, ein König“. Das können wir uns ins Herze schreiben. Und dann noch einmal fragen: „Wie soll ich dich empfangen?“
Maria fragt so. Paul Gerhardt fragt so. Und, liebe Gemeinde, wer sich bis jetzt ausgeruht hat und das schön fand mit Maria von Nazareth und Paul Gerhardt von Lübben im Spreewald, der wird jetzt noch gefragt: Fragst du auch so? Jeder und jede von uns heute ist gefragt: Fragst du auch so: Wie soll ich dich empfangen?

Bei Paul Gerhardt finde ich Antworten. Es kommt nicht darauf an, dass im Leben alles glatt geht. Wie zu Paul Gerhardts Zeiten gibt es auch unter uns Menschen – und vielleicht gehören wir selber dazu -, die [wie in Str. 4] „in schweren Banden“ liegen, auf denen [wie in Str. 5] eine große „Jammerlast“ liegt, die unter „Gram und Schmerze“ leiden.    Ja, diese Menschen gibt es. Und es gibt sie auch in der christlichen Gemeinde. Es gibt sie auch bei uns in Frischborn und Blitzenrod, in unseren Gemeinden. Ihnen haben wir die frohe und froh-machende Botschaft zu bringen, zu sagen, [wie es in Str. 7 heißt,]: Jesus „ist voller Lieb und Lust, / all Angst und Not zu stillen“. Das ist das große Geschenk, auf das wir warten, dass einer kommt, der nicht mehr von unserer Seite geht. Auf ihn warten wir, alle Jahre wieder. Wir warten auf ihn.
Und dann empfangen wir ihn am Heiligen Abend. Und das wird auch – davon bin ich überzeugt – wieder wunderschön werden. Aber wie viel schöner muss das erst sein, wenn Jesus am Ende aller Tage wirklich kommt. „Er kommt“, dichtet Paul Gerhardt. „Er kommt“. Und wir, liebe Gemeinde, wir, die wir ihn lieben und suchen in diesem Advent 2007, in unserem Leben, zu uns kommt er „mit Gnad und süßem Lichte“.

Ich freue mich auf Weihnachten; auf ein wenig Ruhe und vor allem auf schöne Gottesdienste, auf den Heiligen Abend und die Weihnachtstage. Aber noch viel mehr freue ich mich schon heute auf den wirklichen Advent, d.h. die Ankunft und Begegnung mit Jesus heute und am Ende aller Tage. Und darum bete ich gerne, heute und immer wieder voller Sehnsucht und Vorfreude mit Paul Gerhardts Worten am Ende seines Liedes: „Ach komm, ach komm, o Sonne, / und hol uns allzumal / zum ewgen Licht und Wonne / in deinen Freudensaal.“
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

8. Auch dürft ihr nicht erschrecken / vor eurer Sünden Schuld; / nein, Jesus will sie decken / mit seiner Lieb und Huld. / Er kommt, er kommt den Sündern / zu Trost und wahrem Heil, / schafft, dass bei Gottes Kindern / verbleib ihr Erb und Teil.

9. Was fragt ihr nach dem Schreien / der Feind und ihrer Tück? / Der Herr wird sie zerstreuen / in einem Augenblick. / Er kommt, er kommt, ein König, / dem wahrlich alle Feind / auf Erden viel zu wenig / zum Widerstande seind.

10. Er kommt zum Weltgerichte: / zum Fluch dem, der ihm flucht, / mit Gnad und süßem Licht / dem, der ihn liebt und sucht. / Ach komm, ach komm, o Sonne, / und hol uns allzumal / zum ewgen Licht und Wonne / in deinen Freudensaal.