Predigt über das „christliche Trost- und Freudenlied“: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich“

Paul Gerhardt, Evang. Gesangbuch Nr. 351

1. Ist Gott für mich, so trete / gleich alles wider mich; / sooft ich ruf und bete, / weicht alles hinter sich. / Hab ich das Haupt zum Freunde / und bin geliebt bei Gott, / was kann mir tun der Feinde / und Widersacher Rott?

2. Nun weiß und glaub ich feste, / ich rühm’s auch ohne Scheu, / dass Gott, der Höchst und Beste, / mein Freund und Vater sei / und dass in allen Fällen / er mir zur Rechten steh / und dämpfe Sturm und Wellen / und was mir bringet Weh.

3. Der Grund, da ich mich gründe, / ist Christus und sein Blut; / das machet, dass ich finde / das ewge, wahre Gut. / An mir und meinem Leben / ist nichts auf dieser Erd; / was Christus mir gegeben, / das ist der Liebe wert.


Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde!
Einem schwermütigen Musiker gab Martin Luther einmal den Rat, „den Teufel mit Singen und Spielen zu vertreiben“.
Paul Gerhardt hat solch ein Lied geschrieben, mit dem ein Mensch den Teufel vertreiben kann. Er hat es ein »christliches Trost- und Freudenlied« genannt, das für jeden gedacht ist, der sich nach zuverlässigem Trost und wahrer Hilfe umschaut. Vor allem aber bekennt er darin, was ihn selber getröstet hat und was für ihn tiefster Grund zur Freude ist.
Solchen Trost, der zum Widerstand stärkt, hat der Lieddichter in der Bibel bei seinem Namenspatron, dem Apostel Paulus, gefunden. Paulus stellt der Gemeinde von Rom eine Reihe von rhetorischen Fragen, die anfängt mit der Frage: »Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?« (Röm 8,31). Darauf können wir im Grunde nur antworten: „Keiner!“ Denn das ist der stärkste Trost: dass Gott für uns ist, nicht gegen uns. Wer immer wider uns sein mag, keiner kann gegen Gott etwas ausrichten.
Paul Gerhardt nimmt diese Frage in seinem Lied auf, allerdings so, dass er sie aus der Wir-Form in die Ich-Form, in ein persönliches Bekenntnis umwandelt. Der Glaubende bekennt:

»Ist Gott für mich, so trete / gleich alles wider mich; /
sooft ich ruf und bete, / weicht alles hinter sich«. Dann fragt er sich selbst:
»Hab ich das Haupt zum Freunde / und bin geliebt bei Gott, / was kann mir tun der Feinde / und Widersacher Rott?«

Es besteht eine Spannung, liebe Gemeinde, zwischen Glaube und Erfahrung, zwischen dem, was uns das Lied von Gott verheißungsvoll zusagt, und einer bedrohlichen Wirklichkeit.
Zwar ist Gott für mich – aber eine Menge von „Feinden und Widersachern“ steht gegen mich, wie es im Lied heißt. Zwar ist Gott mein Freund und Vater – aber ich bin „Sturm und Wellen“ ausgesetzt und dem, was mir Weh bringt. Das sind lauter Gegensätze, die jeder von uns mit eigenen Beispielen füllen kann.
So spannungsvoll ist das Leben. Und mitten durch unser Leben geht ein Riss, zwischen Gott und uns. Ein Riss, dem wir nirgendwo entgehen, den wir nicht aus eigener Kraft zudecken oder kitten können. Er bleibt schmerzhaft spürbar – auch für den, der wie Paul Gerhardt glaubt: Gott ist für mich. Aber das Lied weiß noch mehr davon zu sagen, wie Gott zu uns steht. Nicht nur vom Vater ist die Rede, sondern auch vom Sohn und vom Heiligen Geist.

4. Mein Jesus ist mein Ehre, / mein Glanz und schönes Licht. / Wenn der nicht in mir wäre, / so dürft und könnt ich nicht / vor Gottes Augen stehen / und vor dem Sternensitz, / ich müsste stracks vergehen / wie Wachs in Feuershitz.

5. Der, der hat ausgelöschet, / was mit sich führt den Tod; / der ist’s, der mich rein wäschet, / macht schneeweiß, was ist rot. / In ihm kann ich mich freuen, / hab einen Heldenmut, / darf kein Gerichte scheuen, / wie sonst ein Sünder tut.

6. Nichts, nichts kann mich verdammen, / nichts nimmt mir meinen Mut: / Die Höll und ihre Flammen / löscht meines Heilands Blut. / Kein Urteil mich erschrecket, / kein Unheil mich betrübt, / weil mich mit Flügeln decket / mein Heiland, der mich liebt.


In diesen Strophen, liebe Gemeinde, spricht Paul Gerhardt auf eine bildhaft-biblische Weise von seinem Verhältnis zu Jesus Christus. Er gründet sich in Christus und seinem Blut, also in der Hingabe, mit der Christus sein Leben gab.
Von sich und seinem eigenen Leben kann Paul Gerhardt nicht mehr sprechen, daran liegt ihm gar nichts mehr, weil Christus ihm eine neue Würde verliehen und ihn von allem Makel befreit hat.

»Mein Jesus«, sagt der Dichter dreimal in diesem Lied, und zweimal »mein Heiland«, um das ganz persönliche Verhältnis hervorzuheben. Wer so spricht, umschreibt ein inniges Glaubens- und Liebesverhältnis, in dem ein Leben ohne Christus ganz undenkbar geworden ist. Nur aufgrund dieses Verhältnisses kann der Glaubende vor Gott im Gericht bestehen, keine Instanz kann über ihn das letzte Urteil sprechen wegen einer Schuld. Denn Jesus hat ihn rein gewaschen und alle Schuld getilgt. Er tritt im Gericht für den Sünder ein.

7. Sein Geist wohnt mir im Herzen, / regiert mir meinen Sinn, / vertreibet Sorg und Schmerzen, / nimmt allen Kummer hin; / gibt Segen und Gedeihen / dem, was er in mir schafft, / hilft mir das Abba schreien / aus aller meiner Kraft.

8. Und wenn an meinem Orte / sich Furcht und Schrecken find’t, / so seufzt und spricht er Worte, / die unaussprechlich sind / mir zwar und meinem Munde, / Gott aber wohl bewusst, / der an des Herzens Grunde / ersiehet seine Lust.

9. Sein Geist spricht meinem Geiste / manch süßes Trostwort zu: / wie Gott dem Hilfe leiste, / der bei ihm suchet Ruh, / und wie er hab erbauet / ein edle neue Stadt, / da Aug und Herze schauet, / was es geglaubet hat.

10. Da ist mein Teil und Erbe / mir prächtig zugericht’; / wenn ich gleich fall und sterbe, / fällt doch mein Himmel nicht. / Muss ich auch gleich hier feuchten / mit Tränen meine Zeit, / mein Jesus und sein Leuchten / durchsüßet alles Leid.


Jetzt, liebe Gemeinde, hat uns das Lied ins innerste Geheimnis des Glaubens hineingeführt. Im Herzen des Glaubenden wohnt der Geist Jesu Christi. Und dieser Geist, die Stimme Jesu, kann von innen her auf mehrfache Weise helfen, wie niemand sonst. Er kann unser Denken, unser Wahrnehmungsvermögen so bestimmen, dass Sorgen und Schmerzen keine Macht über uns bekommen. Der Heilige Geist gibt uns ein, Gott als liebenden Vater zu Hilfe zu rufen. Er spricht stellvertretend für uns, wenn uns die Worte fehlen, so dass wir mit Gott in Verbindung bleiben. Und er spricht uns Trostworte zu, die uns vergegenwärtigen, was Gott zu unseren Gunsten getan hat und was Er am Ende für uns bereithält.
Wenn uns in einer Krise Bibelworte begegnen oder wieder einfallen, die dann ganz neu und ermutigend zu uns sprechen, dann spricht der heilige Geist zu uns.

Erstaunlich, wie weitgehend Paul Gerhardt sich in diesem Lied mit dem Apostel Paulus identifiziert! Wie dieser ist er überzeugt, dass nichts uns von der Liebe Gottes scheiden kann.
Daran können wir sehen, was Glauben heißt. Glauben bedeutet nämlich, mit dem Apostel glauben, dass Jesus mein ist, dass Gott sich in Jesus für mich erklärt hat. Deswegen stürzt mir im Leid der Himmel nicht zusammen. Deswegen kann mich weder Gewalt noch Entbehrung aus dem Gottesverhältnis herausreißen.

Aber nicht nur Leiden, Angst und Gefahr können unser Vertrauen erschüttern, liebe Gemeinde, so dass wir meinen, Gott sei gegen uns oder habe sich von uns abgewandt. Der Apostel Paulus und Paul Gerhardt wissen: Auch Engel und höchste Freuden und materieller Reichtum können zu Versuchungen werden, zu täuschenden Idolen, wenn sie uns von Gott ablenken. Aber keine erdenkliche Macht oder Gestalt auf Erden und im Himmel vermag das, wenn ich mich bei Gott geborgen und in Seiner Liebe aufgehoben weiß.

In der Welt haben wir es wohl ein Leben lang mit Widrigkeiten zu tun, die den Glauben auf die Probe stellen. So ist es nur folgerichtig, wenn alle Liedstrophen mit ihrer kraftvollen und bildreichen Sprache mit der beunruhigenden Macht des Bösen rechnen. Alle – bis auf eine! Eine Strophe gibt es in diesem Lied, in der das Widerständige aufgehoben ist.

Eine Strophe, die nichts mehr weiß von dem leidvollen Gegensatz zwischen dem Gott-für-uns und den Mächten, die uns von Ihm und Seiner Liebe trennen wollen. Das ist die letzte Strophe.
Hier kommt heraus, liebe Gemeinde, weshalb ein Christ auch im Leiden nicht von Trauer überwältigt wird. Sein Herz »ist voller Freud und Singen, / sieht lauter Sonnenschein«, weil er sich von Jesus Christus angeschaut weiß. Bei Christus im Himmel ist alles hell und klar wie die Sonne.

Bei Jesus Christus sind alle quälenden Widersprüche gelöst, alle Sorgen und Schmerzen aufgehoben, alles, was uns das Leben schwer macht, ist überwunden. Und mit Springen und Singen holt das Herz, was im Himmel ist, auf die Erde, mitten hinein in dieses Leben mit seinen Widrigkeiten und seinem Kampf und Streit.
Gegen jemanden, liebe Gemeinde, der so voller Freude seinem Herrn Jesus Christ singt, gegen den kann selbst der Teufel nichts ausrichten.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

11. Die Welt, die mag zerbrechen, / du stehst mir ewiglich; / kein Brennen, Hauen, Stechen / soll trennen mich und dich; / kein Hunger und kein Dürsten, / kein Armut, keine Pein, / kein Zorn der großen Fürsten / soll mir ein Hindrung sein.

12. Kein Engel, keine Freuden, / kein Thron, kein Herrlichkeit, / kein Lieben und kein Leiden, / kein Angst und Fährlichkeit, / was man nur kann erdenken, / es sei klein oder groß: / Der keines soll mich lenken / aus deinem Arm und Schoß.

13. Mein Herze geht in Sprüngen / und kann nicht traurig sein, / ist voller Freud und Singen, / sieht lauter Sonnenschein. / Die Sonne, die mir lachet, / ist mein Herr Jesus Christ; / das, was mich singen machet, / ist, was im Himmel ist.


Paul Gerhardt, 1653