Predigt über das Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“

Paul Gerhardt, Evang. Gesangbuch Nr. 503

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus.

Amen

1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud / in dieser lieben Sommerzeit / an deines Gottes Gaben; / schau an der schönen Gärten Zier / und siehe, wie sie mir und dir / sich ausgeschmücket haben.  

Liebe Gemeinde,
ein Dichter schickt sein Herz in den Urlaub, auf Reisen, und gibt ihm einen Auftrag mit auf den Weg:
Suche die Freude, suche sie in der Natur, die der Sommer in einen einzigen, großen, blühenden Garten verwandelt hat! Suche die Freude zum Beispiel im Urlaub am Ufer des Meeres, oder zu Hause im Wald unter dem kühlen Blätterdach einer Buche, in einem Garten, oder auf den Gipfeln der Berge!
Der Dichter – es ist Paul Gerhardt – lädt uns ein, unser Herz ebenfalls auf Reisen zu schicken. Mit seiner Einladung lockt uns Paul Gerhardt aus unserem Schneckenhaus, in das wir uns häufig, oft ohne es zu merken, verkriechen. Aber das Leben wird arm, wenn wir ständig um unser Ich kreisen und darüber die Schönheit der Schöpfung vergessen. Es muss Zeiten im Leben geben, in denen man, wie Paul Gerhardt empfiehlt, „selbstvergessen“ lebt und im guten Sinne des Wortes „außer sich“ ist.
In diesen Zeiten denke ich nicht angestrengt darüber nach, was in mir vorgeht, wenn ich mich freue. Ich freue mich ganz einfach über eine Rose im Garten, über die Bachforelle, die ich im klaren Wasser vom Mühlbach beobachte, über den Milan, der über Wiesen und Tälern schwebt. Für eine kürzere oder längere Zeit bin ich ganz im gegenwärtigen Augenblick zu Hause. Könnte ich mich nur mit meinem Ich beschäftigen, würde ich seelisch verhungern. Ich höre sie gern, die Einladung Paul Gerhardts: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben!“
Lassen Sie uns nun die zwei nächsten Verse singen: (503, 2 + 3)

2. Die Bäume stehen voller Laub, / Das Erdreich decket seinen Staub / mit einem grünen Kleide; / Narzissus und die Tulipan, / die ziehen sich viel schöner an / als Salomonis Seide.

3. Die Lerche schwingt sich in die Luft, / das Täublein fliegt aus seiner Kluft  / und macht sich in die Wälder; /die hoch-begabte Nachtigall / ergötzt und füllt mit ihrem Schall / Berg, Hügel, Tal und Felder.


Vielleicht haben einige gedacht, liebe Gemeinde, als wir diese beiden Verse gesungen haben: Sehr überschwenglich, sehr romantisch und auch ein bisschen naiv! Paul Gerhardt freut sich über die Bäume, die Narzissen und die Tulpen, er lobt die Lerche, die Taube und den Gesang der „hochbegabten Nachtigall“. Ich aber denke an die Gewalttaten zum Beispiel in Norwegen und Syrien; an die Flüchtlingsströme in Ostafrika, die nicht abreißen wollen; an die vielen misshandelten Kinder in diesem Land und an die Menschen in den Krankenhäusern, die immer wieder zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin- und hergerissen werden. Wie kann man, wenn man das Elend der Menschheit vor Augen hat, unbefangen die Tulpen, die Narzissen und die Lerchen loben? Das ist doch nur möglich, wenn man ganz bewusst einseitig wird und das Dunkle und Schwere in diesem Leben vorübergehend einfach ausblendet!
Ja, vielleicht verhält es sich tatsächlich so. Nur Gott kann das Ganze der Welt auf einmal überblicken;
die Narzissen und die tödlichen Anschläge in Norwegen;
die Nachtigall und die Schmerzen eines Krebskranken;
die Taube, das uralte Symbol des Friedens, und die Landmine, die einen unschuldigen Menschen zerfetzt.
WIE Gott das alles zusammenschaut, ohne unglücklich zu sein, weiß ich nicht; ich kann mir allerdings einen unglücklichen Gott nicht vorstellen. Gott überblickt, weil er Gott ist, alles auf einmal; wir dagegen können nur immer einen ganz kleinen Teil der Welt vor Augen haben.  Freue ich mich über eine Narzisse, habe ich vorübergehend die Verhungerten in Afrika vergessen. Ich kann immer nur einen Teil der Wirklichkeit wahrnehmen.
Dem Dichter Paul Gerhardt ist es sicher nicht anders ergangen. Als er sein schönes Sommerlied schrieb, hat er bestimmt nicht an die schrecklichen Jahre des Dreißigjährigen Krieges gedacht, die auch er durchleiden musste. Er hat, als er sein Lied schrieb, die Schöpfung umarmt und dabei alles Dunkle und Schwere im Leben vergessen. Das darf man, denn der Prediger Salomo sagt: „Alles im Leben hat seine Zeit, weinen und lachen, klagen und tanzen.“
Ich überlasse es Gott, die Widersprüche in diesem Leben zu einer Einheit zu verbinden; ich zerbreche mir nicht seinen Kopf. Ich darf, weil ich nur ein Mensch bin, auf die große Zusammenschau, auf die umfassende  Deutung der Welt verzichten. Sitze ich am Bett eines Schwerkranken, nehme ich die Blumen auf seinem Nachttisch kaum wahr. Steige ich aber auf einen Hügel mit weitem Blick ins Land hinein, lasse ich den Jammer der Welt weit unten in den Tälern zurück. Ich atme auf und denke: „Alles im Leben hat seine Zeit. Gott hat es so eingerichtet, und das macht es mir möglich, ab und zu das Leben aus vollem Herzen zu genießen.“
Paul Gerhardt weiß selbst sehr gut, dass uns in seinem Lied nicht das Ganze der Welt vor Augen hält. Er zeigt uns nur einen Teil; die Schönheit der Schöpfung. Wie sähe es in uns aus, wenn es sie nicht gäbe!

Lassen Sie uns nun weitersingen mit den Str. 9 + 10

9. Ach, denk ich, bist du hier so schön / und lässt Du’s uns so lieblich gehn  /auf dieser armen Erden: / Was will doch wohl nach dieser Welt / dort in dem reichen Himmelszelt / und güldnen Schlosse werden!

10. Welch hohe Lust, welch heller Schein / wird wohl in Christi Garten sein! / Wie muss es da wohl klingen, / da so viel tausend Seraphim / mit unverdrossnem Mund und Stimm / ihr Halleluja singen.


Für Paul Gerhardt, liebe Gemeinde, wird ein leuchtender Tag im Sommer zu einem Gleichnis für das ewige Leben. Wiederum kann jemand sagen: sehr überschwenglich und ein bisschen naiv! Ich sehe es anders.
Denn es ist eine uralte Erfahrung: Wer hoffen will, muss sich etwas ausmalen und vor Augen stellen können. Jesus hat deshalb vom ewigen Leben in deutlichen, farben-prächtigen Bildern gesprochen, zum Beispiel von einem festlichen Mahl, zu dem sich die Erlösten versammeln. Paul Gerhardt schließt sich der Sprache Jesu an, wenn er von einem goldenen Schloss, vom hellen Schein im Garten Christi und vom Gesang der Engel spricht. Seine schönen Bilder muss niemand von uns wörtlich nehmen, aber sie können für uns zu einem wichtigen Hinweis werden:
Wenn schon ein Tag im Sommer unendlich schön ist, wäre es ein Zeichen von Geistesschwäche, wenn jemand denkt: Das ewige Leben ist farbloser, kälter und langweiliger als der strahlende Sommertag, den ich gerade genieße. Gott wäre nicht Gott, wenn sein zukünftiges Reich an Glanz und Schönheit hinter der gegenwärtigen Schöpfung zurückbleiben würde.
Wer hoffen will, braucht Bilder, und diese Bilder müssen keineswegs zu hemmungslosen Phantasien entarten. Aber Bilder, Visionen, Träume brauchen wir: Für unser Leben, für unsere Kirche, für die Gerechtigkeit in dieser Welt.
Wir singen nun noch die Str. 13 + 14

13. Hilf mir und segne meinen Geist / mit Segen, der vom Himmel fleußt, / dass ich dir stetig blühe; / gib, dass der Sommer deiner Gnad / in meiner Seele früh und spat / viel Glaubensfrüchte ziehe.

14. Mach in mir deinem Geiste Raum, / dass ich dir werd ein guter Baum, / und lass mich Wurzel treiben. / Verleihe, dass zu deinem Ruhm / ich deines Gartens schöne Blum / und Pflanze möge bleiben.


Aus dem Himmel, liebe Gemeinde, in dem Paul Gerhardt soeben noch spazierengegangen ist, kehrt er zur Erde zurück. Er weiß: Mein Leben ist anders als das der Narzissen und Tulpen, der Lerchen und der Tauben. Die Entwicklung einer Pflanze ist festgelegt, und die Tiere werden von ihren Instinkten sicher geleitet. Ich aber bin, gemeinsam mit allen anderen Menschen, ein einmaliger Sonderfall in Gottes Schöpfung: Ich verfüge über Freiheit, ich kann, anders als die Pflanzen und Tiere, Entscheidungen treffen; Gutes, aber auch Böses tun; mich verirren oder einen guten Weg einschlagen.
Es ist die Erfahrung der Nachdenklichen: Aus eigener Kraft kann ich nicht auf dem guten Weg bleiben; ich bin immer wieder einmal gefährdet. Gott kann die Pflanzen vor sich hinwachsen, die Tauben und Lerchen einfach fliegen lassen; er muss sich keine Sorgen um sie machen. Die Pflanzen und die Tiere brechen nicht aus der Ordnung aus, die Gott ihnen gegeben hat. Bei mir ist es anders, deshalb brauche ich seine Hilfe. Und deshalb heißt es im Lied: „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum und lass mich Wurzel treiben.“ Diese Worte sind ein Gebet; es würde sich lohnen, es jeden Morgen zu sprechen. Wer sich selbst ein wenig kennt, weiß das.
Liebe Gemeinde, ich habe versucht, mich in ein altes Kirchenlied einzufühlen. Dass in diesem Lied der Geist der Bibel weht, haben wir hoffentlich gespürt. Wir haben die Einladung gehört, unser Herz „in dieser lieben Sommerzeit“ auf Reisen zu schicken und nach der Freude zu suchen, die Gott uns zugedacht hat. Er schenkt sie uns mit den schönen Blumen, die wir anschauen, mit den Vögeln, die durch den Himmel schweben, und er schenkt uns Freude nicht zuletzt mit seinem Geist, ihn zu loben und zu preisen. Wir können unser Herz auf Reisen schicken; auf eine Reise, die über die Wunder der Schöpfung zu unserem Schöpfer und Erlöser führt. „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben.“
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen in Sinne in Christus Jesus. Amen.

Und lassen Sie uns – auch wenn es nicht der Reihenfolge entspricht – noch die Str. 8 miteinander singen.

8. Ich selber kann und mag nicht ruhn, / des großen Gottes großes Tun / erweckt mir alle Sinnen; / ich singe mit, wenn alles singt, / und lasse, was dem Höchsten klingt, / aus meinem Herzen rinnen, / aus meinem Herzen rinnen.