Predigt über „O Haupt voll Blut und Wunden“

Paul Gerhardt, Evang. Gesangbuch Nr. 85

 

Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde!
Was können wir tun, um den Karfreitag recht zu begehen und das Sterben von Jesus Christus zu gedenken? Wir sind es gewohnt, im Gottesdienst eine Predigt über einen Bibeltext zu hören. Heute lädt der Dichter Paul Gerhardt uns ein zu einer Betrachtung seines bekanntesten Passionsliedes, „O Haupt voll Blut und Wunden“. Lassen wir uns also einmal auf die Betrachtung dieses Liedes ein, das wiederum auch eine Betrachtung ist.
Die Überschrift des Liedes wirkt auf uns heute sehr eigenartig, vielleicht sogar abstoßend. Es besingt, wie schon die erste Zeile erkennen lässt, das Haupt des Gekreuzigten. Es gibt viele Kunstwerke, auf denen wir den Gekreuzigten dargestellt sehen. Doch das sind Bilder, die uns meist nicht mehr schockieren. Der Anblick geschundener, gequälter und gefolterter Menschen ist in unserem Medienzeitalter erschreckend „normal“ geworden.

1. O Haupt voll Blut und Wunden, / voll Schmerz und voller Hohn, / o Haupt, zum Spott gebunden / mit einer Dornenkron, / o Haupt, sonst schön gezieret / mit höchster Ehr und Zier, / jetzt aber hoch schimpfieret: / Gegrüßet seist du mir!

Es entspricht der lateinischen Briefsitte, mit einer Anrede zu beginnen und die Anrede durch ein „O“ zu kennzeichnen. (32 Lieder unseres Gesangbuches beginnen mit solchem „O“.) Dreimal wird hier das Haupt des Gekreuzigten angesprochen. Dann folgt der Gruß, der gewissermaßen einen doppelten Boden hat: „Gegrüßet seist du mir!“ Mit den Worten „Gegrüßet seist du, lieber Judenkönig!“ hatten die Soldaten Jesus verspottet. Paul Gerhardt nimmt ihre Worte auf und wendet sie ins Positive, als wollte er jenen Spott wieder gut machen: „Gegrüßet seist du mir!“ Dann wendet er sich von dem dornengekrönten Haupt zum Gesicht:

2. Du edles Angesichte, / davor sonst schrickt und scheut / das große Weltgewichte, / wie bist du so bespeit, / wie bist du so erbleichet! / Wer hat dein Augenlicht, / dem sonst kein Licht nicht gleichet, / so schändlich zugericht?

Wie mag das Gesicht von Jesus ausgesehen haben, liebe Gemeinde? Liest man, was in den Evangelien von Jesus erzählt wird, so ahnt man, dass eine gewisse Hoheit von seinem Gesicht ausging. Viele Menschen fassten sofort Vertrauen zu ihm.
Die Soldaten, die ihn verhaften sollten und mit Spießen, Stangen und Stricken kamen um einen Verbrecher zu fangen, waren über seinen Anblick so erschrocken, dass sie zu Boden fielen. Das Gesicht ist eigentlich der weitaus schönste und ausdrucksvollste Teil des Körpers. Es ist erstaunlich und erschreckend zugleich, was Menschen alles erfinden, um andere Menschen zu quälen und zu verunstalten, wie es Paul Gerhardt hier beschreibt. Die Geißel, die Peitsche, die dazu dient, die Haut blutig zu schlagen, ist wohl aus der Mode gekommen.
Stattdessen hört man immer wieder von Berichten, dass bei Folterungen brennende Zigaretten auf der Haut der Opfer ausgedrückt wurden. Nicht weniger erfinderisch ist der Mensch, wenn es darum geht, andere Menschen zu töten oder gar in Massen zu vernichten.
Die vierte Strophe beginnt mit einer Feststellung, die uns heute ganz überraschend und kaum glaubhaft erscheint:

4. Nun, was du, Herr, erduldet, / ist alles meine Last; / ich hab es selbst verschuldet, / was du getragen hast. / Schau her, hier steh ich Armer, / der Zorn verdienet hat. / Gib mir, o mein Erbarmer, / den Anblick deiner Gnad.

Liebe Gemeinde! „Ich hab es selbst verschuldet“, was andere vor fast zweitausend Jahren Verbrecherisches getan haben? Wie kommt das zustande? Millionen von Christen haben durch die Jahrhunderte geglaubt, dass Jesus Christus, wie es heißt, „für unsere Sünden gestorben ist“. Aber wer glaubt das heute noch? Nur – was tun wir, wenn wir von vornherein erklären, „wir sind nicht schuld“? Wir folgen damit der allgemeinen menschlichen Neigung, jede Schuld von sich abzuwälzen. Schon auf den ersten Blättern der Bibel wird das beschrieben: Adam sagt zu Gott: „Die Frau, die du mir gegeben hast, hat mich verleitet.“ Dabei sollte er seine Frau doch eigentlich lieben, statt sie zu „verpetzen“! Und Eva sagt: „Die Schlange betrog mich.“ Treffender und anschaulicher kann es kaum beschrieben werden. In den Jahren des Zweiten Weltkriegs haben Menschen millionenfache Schuld auf sich gehäuft in einem Ausmaß, das alles Denken übersteigt. Ein Sprichwort sagt: „Hinterher will es keiner gewesen sein.“ Und so war es denn auch. Da tauchte das Wort von der „Kollektivschuld“ auf, weil doch nicht nur von Vereinzelten, sondern auch massenweise Böses getan wurde. Doch dieses Wort wurde bald wieder vom Tisch gewischt. Auffällig ist aber, dass es bis heute immer wieder einmal auftaucht, als wollte es uns verfolgen.
Die Frage, liebe Gemeinde, wieweit wir schuldig oder unschuldig sind, ist ungewöhnlich schwierig und verwickelt. Wenn wir uns so schnell und selbstbewusst für unschuldig erklären, setzen wir uns selbst zum obersten Richter, der genau weiß, was gut und böse ist. Aber sind wir wirklich so klug? Ein Wort aus den Psalmen lautet: „Wer kann merken, wie oft er Fehler macht? Verzeihe mir, Herr, die verborgenen Fehler.“ Ein ungewöhnlich heilsames und befreiendes Gebet! Denn wer es nachsprechen kann, der wird frei von dem hässlichen Zwang, sich dauernd rechtfertigen zu müssen und Beweise für seine Unschuld zu suchen. Der kann es auch ertragen, wenn Paul Gerhardt schreibt: „Ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast.“
Die Melodie unseres Liedes, liebe Gemeinde, stammt übrigens von einem weltlichen Liebeslied: „Mein Gemüt ist mir verwirret von einer Jungfrau zart.“ In der 6. Strophe klingt noch ein wenig von diesem Liebeslied durch, wenn es dort heißt:

6. Ich will hier bei dir stehen, / verachte mich doch nicht; / von dir will ich nicht gehen, / wenn dir dein Herze bricht; / wenn dein Haupt wird erblassen / im letzten Todesstoß, / alsdann will ich dich fassen / in meinen Arm und Schoß.

Von der Betrachtung des Gekreuzigten, liebe Gemeinde, wendet sich das Lied nun mehr und mehr zu den Gedanken an das eigene Sterben.
Diese erreichen ihren Höhepunkt in den beiden letzten Strophen, und das nicht nur durch die atemberaubenden Vertonungen durch Johann Sebastian Bach in seiner „Matthäuspassion“. Unendlich vielen Menschen sind sie zur Hilfe in ihrer Sterbestunde geworden.
Wer in hohem Alter stirbt, liebe Gemeinde, wünscht sich wohl, dann die Last des Lebens abwerfen zu können. Wer sein Leben beschließen muss, aber gern noch geblieben wäre, hat es leichter, wenn ihm einer Beistand leistet und seine Hand hält. Doch das ist nicht jedem vergönnt. Paul Gerhardts Worte können allen Sterbenden Trost geben. Wo kein Mensch mehr mit uns gehen kann, da lässt er uns darum bitten, dass Jesus Christus uns begleitet und in das ewige Leben führt.

9. Wenn ich einmal soll scheiden, / so scheide nicht von mir; / wenn ich den Tod soll leiden, / so tritt du dann herfür; / wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein, / so reiß mich aus den Ängsten / kraft deiner Angst und Pein.

10. Erscheine mir zum Schilde, / zum Trost in meinem Tod, / und lass mich sehn dein Bilde / in deiner Kreuzesnot. / Da will ich nach dir blicken, / da will ich glaubensvoll / dich an mein Herz drücken. / Wer so stirbt, der stirbt wohl.


Amen