Predigtreihe Paul-Gerhardt-Lieder

Predigt über „Nun ruhen alle Wälder“
Paul Gerhardt, Ev. Gesangbuch Nr. 477

1. Nun ruhen alle Wälder, / Vieh, Menschen, Städt´ und Felder, / es schläft die ganze Welt; / ihr aber, meine Sinnen, / auf, auf, ihr sollt beginnen, / was eurem Schöpfer wohlgefällt.

2. Wo bist du, Sonne, blieben? / Die Nacht hat dich vertrieben, / die Nacht, des Tages Feind. / Fahr hin; ein andre Sonne, / mein Jesus, meine Wonne, / gar hell in meinem Herzen scheint.

3. Der Tag ist nun vergangen, / die güldnen Sternlein prangen / am blauen Himmelssaal; / also wird ich auch stehen, / wenn mich wird heißen gehen / mein Gott aus diesem Jammertal.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit Euch allen.
Amen

Liebe Gemeinde, ein Abendlied aus unserem Gesangbuch ist der heutige Predigttext. „Nun ruhen alle Wälder …“
Wir haben davon eben die ersten drei Strophen gesungen.

Es wird uns, liebe Gemeinde, mit solch einem Lied wahrscheinlich sehr unterschiedlich ergehen – je nachdem, welche Rolle es bisher in unserem Leben gespielt hat. Gerade Lieder sind ja Träger unserer Erinnerung – geradezu Gefäße, in die unsere schönen oder traurigen Lebenserfahrungen hineinfließen und sich sammeln. Das kennt jeder von uns – nur dass es für den einen eben z. B. Schlager sind oder Tanzmelodien, für andere Volkslieder und Folklore – und nicht für alle ein Abendlied aus dem Gesangbuch.
Mir ist beim Nachdenken über dies Lied deutlich geworden, was es eigentlich bedeutet, wenn wir Christen unseren Glauben singen!
Wenn ich meinen Glauben singe, dann hat dieser Glaube also auch nicht zuerst mit meinem Denken, Argumentieren, erst recht nicht zuerst mit einer Glaubenslehre zu tun! Auch bei meinem Glauben schwingt mein ganzes Leben mit. Das wird mir an solchen Liedern deutlich.
Nehmen Sie, liebe Gemeinde, dies Abendlied: Noch bevor ich auf seine Worte richtig gehört habe, sind schon viele Empfindungen da:
Erinnerungen an laue Abende im Sommer oder klare Abende im Winter unter dem Sternenhimmel. Landschaften wie das schöne Vogelsberger Gebiet im Abendlicht sehe ich, und eine große Ruhe strahlen diese Erinnerungen aus. Augenblicke, die ich leider nur selten so empfinden kann: einfach da zu sein, ohne dies Kribbeln der Unruhe, ohne den Gedanken »du wolltest doch noch«, »du hast doch noch nicht«.
Einfach so dasitzen und spüren: »Das alles ist ohne dein Zutun für dich da – Deine und Gottes Welt!“

„Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, es schläft die ganze Welt! Ihr aber, meine Sinnen, auf, auf, ihr sollt beginnen, was eurem Schöpfer wohlgefällt.“
Ich horche in mich hinein, spüre den großen Atem, ein Aus-der- Ruhe-Aufsteigen zu einer Wachheit, die sich der ganzen Welt bewusst wird.
Da schwingt ein ganzes Leben mit: Freude an der Schöpfung, Atemholen und Zur-Ruhe-Kommen, Erfahrung einer tiefen Geborgenheit.
Ich sehe mir die Worte des Liedes noch genauer an: nicht Vers für Vers, sondern das Lied im Ganzen. Vielleicht lesen Sie in Ihrem Gesangbuch ein bisschen mit oder tun es nachher einmal zu Hause.
Mit wachem Bewusstsein nimmt der Dichter Paul Gerhardt da spürbaren Abstand von seiner in die Nacht sinkenden alltäglichen Welt – und dieser Abstand scheint Ausdruck seiner Lebenseinstellung zu sein:

„Es schläft die ganze Welt! Ihr aber, meine Sinnen, auf, auf! Ihr sollt beginnen, was eurem Schöpfer wohlgefällt!“
Aus dieser inneren Distanz, die sich nicht in der alltäglichen Welt verliert, lässt er dann in allen Versen des Liedes seine Umgebung an sich vorüberziehen: die Nacht, den Sternenhimmel in Str. 3, die abgelegten Kleider und Schuhe in Str. 4, die arbeitsmüden Glieder in Str. 5, das ersehnte, weiche Bett, die Augen, die nicht mehr offenbleiben wollen …

4. Der Leib eilt nun zur Ruhe, / legt ab das Kleid und Schuhe, / das Bild der Sterblichkeit; / die zieh ich aus, dagegen / wird Christus mir anlegen / den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

5. Das Haupt, die Füß und Hände / sind froh, dass nun zum Ende / die Arbeit kommen sei. / Herz, freu dich, du sollst werden / vom Elend dieser Erden / und von der Sünden Arbeit frei.

6. Nun geht, ihr matten Glieder, / geht hin und legt euch nieder, / der Betten ihr begehrt. / Es kommen Stund und Zeiten, / da man euch wird bereiten / zur Ruh ein Bettlein in der Erd.

In der Art, wie Paul Gerhardt die alltägliche Welt wahrnimmt, verliert das Lied von Vers zu Vers mehr den Charakter der Feierabend-Idylle. Man muss das einmal durch das ganze Lied verfolgen:
Da wird die Nacht zum Bild für bedrohliche Feindschaft, die Welt wird zum Jammertal, die abgelegten Kleider erinnern an die »sterblichen Hüllen« unseres Lebens, die müden Glieder an die mühsame Last oft vergeblicher oder von Verirrung und Sünde gezeichneter Lebensarbeit.
Und im Verlangen nach dem Schlaf der Erschöpfung spürt er den Schlaf des Todes voraus:
„Es kommen Stund und Zeiten, da man euch wird bereiten
zur Ruh ein Bettlein in der Erd.“ Heißt es in Strophe 6.
Fast, liebe Gemeinde, klingt das wie das Stimmungsbild eines Depressiven, der in allem nur das Negative sieht! Und doch ist es ganz anders: Mich macht das sehr nachdenklich. Es scheint so, dass unsere Vorfahren viel stärker im Bewusstsein des Todes gelebt haben, so gut Freund mit ihm, dass ihnen der Abschluss eines Tages wie eine tägliche Einübung ins Sterben war.
Wenn ich überlege, wie bei uns eigentlich das genaue Gegenteil geschieht! Uns rückt der Tod nur noch als schreckliche Ausnahme in unser Bewusstsein – oder besser: aus ihm hinaus, als Katastrophe, die es eigentlich nicht geben darf und die darum auch möglichst keiner sehen soll. Und wenn wir es dann nicht mehr verdrängen können, dann macht es uns depressiv.
Ich denke, liebe Gemeinde: Ich möchte von solchen Abendliedern gern wieder lernen, mit meinem Tod zu leben, wie Paul Gerhardt es tut.
Allerdings – zugleich wehrt sich da etwas in mir: Ich mag nicht recht, wenn meine Welt als „Jammertal“ bezeichnet wird! Mir klingt das so nach Lebensverachtung und Weltflucht.

Ich sehe mir darum das Lied noch einmal an. Und ich entdecke: Es ist ja beides darin!
Sicher, da ist die Rede vom Jammertal – und doch ist da auch heller Sonnenschein, prangen die Sterne am Himmel, sind da ruhende Wälder, behüteter Schlaf! Und über allem das Lob der Schöpfung mit allen Sinnen des Dichters!
Für Paul Gerhardt passt das offenbar beides zusammen: zwei Wahrheiten über meine Welt, zwischen denen es kein Entweder/Oder gibt – obwohl wir immer wieder so tun, als könne und dürfe nur das eine oder das andere wahr sein: entweder Jammertal – und dann ist alle Schönheit des Lebens nur ein elender Betrug … oder ein herrliches, genossenes Leben – und dann darf aber auch kein Schatten darauf fallen, keine Disharmonie stören, muss alles Schwierige verdrängt werden … Für mich ist dies eine wichtige Erfahrung meines Christenglaubens: dass beides wahr ist und eins das andere nicht in Frage stellen oder entwerten muss.
Martin Luther hat seinen Glauben an Christus einmal so zusammengefasst:
„Die Welt ist herrlich – die Welt ist schrecklich!
Es kann mir nichts geschehen – ich bin in größter Gefahr! – Es lohnt sich zu leben!“
Das beides, liebe Gemeinde, finde ich auch in Paul Gerhardts Abendlied – so dicht miteinander verflochten, dass es nicht auseinanderzuteilen und gegeneinander auszuspielen ist. Ich spüre, dass ich mit beiden Erfahrungen lebe und dass das Grundgefühl dabei doch die Freude sein kann.
Wir sind Gottes Geschöpfe, sterblich geschaffen und in eine Welt hinein, in der keine Rechnung je glatt aufgeht. Wir können das ruhig feststellen, ohne darüber schlaflose Nächte zu bekommen oder zu Weltverächtern zu werden: Nacht der Seele und finstere Feindschaften gehören dazu und Mühe und Arbeit, die wir uns (wie es im Vers 5 so überraschend heißt) mit unserer Sünde machen!
Das alles gehört dazu. Und trotzdem sind wir Gottes herrliche Geschöpfe, strahlt über uns das Licht der Zuneigung Gottes, wie es in Strophe 2 heißt:
„ein andre Sonne, mein Jesus, meine Wonne,
ganz hell in meinem Herzen scheint!“
Auch andere Worte aus diesem Lied sind bemerkenswert, die oft als Gebet am Kinderbett gebetet wurden, in der achten Strophe:
„Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein ein.“
Noch ehe ich überlegen kann, was diese Worte eigentlich sagen und ob ich heute dies Bild überhaupt mögen würde, ist das Gefühl der Geborgenheit da: das Küken unter wärmenden, nachtdunklen Flügeln …
Mir scheint, liebe Gemeinde, Paul Gerhardt hat hieran auch bei der letzten Strophe seines Liedes gedacht. Auch da ist noch einmal von Unfall und Gefahr die Rede, von der einen Wirklichkeit unseres Lebens. Und dann ist da der Wunsch nach Geborgenheit, dass »Unfall und Gefahr« uns nicht »betrüben« sollen. Ich habe das bisher immer so verstanden, als ob sie darum auch gar nicht geschehen dürften. Aber so ist es ja vielleicht gar nicht gemeint! Geht das – Unfall und Gefahr so in meine Lebenserwartungen mit einbeziehen, dass sie – wenn sie mich treffen – mich letztlich doch nicht betrüben, weil sie mich nicht aus meinem Vertrauen zu Gott und aus meiner Dankbarkeit für mein Leben herausreißen?
Eine Frage, die keiner für sich vorweg beantworten kann, die sich für mich in meinem Leben beantworten muss.
Und Paul Gerhardt schließt sein Lied ja auch nicht mit einer Forderung ab, es müsse so sein, sondern mit einem Wunsch:
„Auch euch, ihr meine Lieben, soll heute nicht betrüben kein Unfall noch Gefahr. Gott lass euch ruhig schlafen, stell euch die güldnen Waffen ums Bett – und seiner Engel Schar.“
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre und stärke eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

7. Mein Augen stehn verdrossen, / im Nu sind sie geschlossen. / Wo bleibt dann Leib und Seel? / Nimm sie zu deinen Gnaden, / sei gut für allen Schaden, / du Aug und Wächter Israel’.

8. Breit aus die Flügel beide, / o Jesu, meine Freude, / und nimm dein Küchlein ein. / Will Satan mich verschlingen, / so lass die Englein singen: / “Dies Kind soll unverletzet sein.“

9. Auch euch, ihr meine Lieben, / soll heute nicht betrüben / kein Unfall noch Gefahr. / Gott lass euch selig schlafen, / stell euch die güldnen Waffen / ums Bett und seiner Engel Schar.