Predigten

Predigt zur Osternacht

Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Der heutige Predigttext steht im 1. Kor. 15 (12-20):
Der Apostel Paulus schreibt: Wenn aber Christus gepredigt wird,
dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten?
Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.
Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.

Liebe Gemeinde,
wir feiern heute das Osterfest. Die Osterkerze brennt. Darin kommt zum Ausdruck: Jesus ist auferstanden!
Jeden Sonntag sprechen wir im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis, in dem es heißt: „Jesus Christus ist am dritten Tage auferstanden von den Toten.“ Und weiter: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten“.
Das ist auch das Thema des Apostels Paulus in dem Abschnitt seines Briefes an die Korinther, den wir eben gehört haben.
„Die Botschaft hör‘ ich wohl – allein mir fehlt der Glaube.“ Mit diesem Ausspruch aus Goethes Faust halten es viele Menschen heute, wie Umfragen ergeben haben. Die Auferstehung, so sagen sie, widerspricht aller Erfahrung.
Das ist nun keineswegs etwas, liebe Gemeinde, was erst der moderne Mensch denkt. Den Jüngerinnen und Jüngern Jesu erging es ähnlich. Als Jesus gestorben war, fand sich zunächst jeder damit ab. Die Frauen, die am Ostermorgen zu seinem Grab gehen, wollen ihn nur noch salben und so dem Toten die letzte Ehre erweisen. Als sie mit der Botschaft konfrontiert werden, dass Jesus lebt, erfüllt sie das mit Furcht und Entsetzen. So leicht ist diese Botschaft nicht zu glauben! Oder der ungläubigen Thomas: Erst wenn er seine Finger in die Wundmale Jesu gelegt hat, dann kann er glauben! Dem Tod glaubt man eher als dem Leben! Denn der Tod steht uns nahe, auch wenn wir den Gedanken an ihn oft verdrängen. Wir wissen, dass wir sterben müssen, doch wollen wir möglichst wenig davon hören.
Auch der Apostel Paulus muss sich zu seiner Zeit mit Leuten auseinandersetzen, welche die Auferstehung der Toten leugnen.
Man sah die Auferstehung Christi als ein einmaliges Ereignis in der Vergangenheit an, das aber keine Auswirkung auf den Tod eines jeden Menschen hat. „Mit dem Tod ist alles aus!“ Das war die Überzeugung der Menschen in Korinth. Das ist sie großenteils auch heute. Manche sprechen das offen aus, manche denken es nur im Stillen.
Für Paulus ist es ein Anlass, über die Auferstehung Jesu zu sprechen und über die Hoffnung, die uns Menschen damit gegeben ist. Über das „Wie“ der Auferstehung macht er keine genaueren Aussagen. Da ist er sehr zurückhaltend, wie überhaupt das ganze Neue Testament zurückhaltend ist, wenn es um konkrete Aussagen über das geht, was die Menschen nach dem Tod erwartet. Der Vorgang der Auferstehung Jesu wird nicht genau beschrieben. Menschliche Neugier wird hier nicht befriedigt. Das Geheimnis der Auferstehung wird in der Bibel gewahrt.

Interessanterweise ist in der frühen christlichen Kunst kein Bild über den Vorgang der Auferstehung zu finden. Man beschränkt sich auf symbolische Darstellungen. Da die Auferstehung sich jeglicher menschlichen Vorstellung entzieht und ein Geheimnis bleibt, kann man sie auch nicht real beschreiben oder abbilden, sondern immer nur umschreiben, d.h. zum Beispiel mit Hilfe von Symbolen ausdrücken, was gemeint ist.
Ein solches Symbol ist die Sonne oder der Sonnenaufgang (wie heute, beim Osternachtsgottesdienst).
Wahrscheinlich hat schon jeder, liebe Gemeinde, einmal einen beeindruckenden Sonnenaufgang, z. B. im Urlaub, erlebt. So etwas bleibt in der Erinnerung haften. So ein Bild prägt sich ein.

Die Auferstehung und die Sonne – was hat das eine mit dem anderen zu tun? Die Sonne ist Sinnbild von Licht und Wärme, von Glanz und Lebenskraft. Das Christentum hat sich schon früh dieser Symbolik bedient. Christus wird als Sonne bezeichnet. Bereits bei seiner Geburt wird er so besungen in dem Weihnachtslied von Paul Gerhardt:
„Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht’t, wie schön sind deine Strahlen.“

Auch in der Bibel finden wir viele Stellen, die Christus in Verbindung mit Sonne und Licht bringen. Jesus sagt ja selbst von sich: „Ich bin das Licht der Welt“. Christus ist beides, die Weihnachtssonne und die Ostersonne. Von seiner Geburt heißt es in der Bibel: „Das Licht scheint in der Finsternis“. Bei der Kreuzigung Jesu stellt der Evangelist Lukas fest: „… und es kam eine Finsternis über das ganze Land … und die Sonne verlor ihren Schein“.  Von den Frauen, die zum Grab gingen, schreibt der Evangelist Markus: „Und sie kamen zum Grab …, sehr früh, als die Sonne aufging“.
Diese Sonne leuchtet über unsere Welt und überzieht sie mit ihrem Glanz. In solchem Licht kann die Welt erneuert werden. Sie kann sich gleichsam im Lichte Jesu „sonnen“.
Dass Christus auferstanden ist, das hat Folgen, liebe Gemeinde, wie Paulus feststellt. Paulus reißt uns mit seinen leidenschaftlichen Worten heraus aus der Düsternis einer Toten-Welt und will uns zu einem Osterglauben helfen, der weiß, dass nicht der Tod, sondern das Leben das letzte Wort hat. Trotz allen Sterbens auf dieser Welt wissen wir, so der Apostel, dass wir von Gott bewahrt und gerettet sind, so wie Christus in seinem schrecklichen Tod nicht von Gott fallen gelassen, sondern von ihm gehalten wurde. Die gute Nachricht von der Auferstehung Jesu ist das Fundament, auf dem ich leben und auf dem ich auch einmal sterben kann. Sie ist der Grund der Hoffnung, die wir auch für unsere Verstorbenen haben dürfen. Sie gibt uns die Zuversicht, dass diese in Gottes Liebe geborgen sind.
Freilich, liebe Gemeinde: Wie die Auferstehung Jesu vor sich ging, das wird von Paulus nicht gesagt. Wichtig ist ihm nur, dass sie geschehen ist. Am Anfang unseres Kapitels spricht er von den Menschen, denen der Auferstandene erschienen ist. Durch diese Begegnungen wurde ihr Leben umgekrempelt. Aus „Angsthasen“ wurden furchtlose Menschen, die sich offen zu dem Auferstandenen bekannten. Selbst Paulus wurde durch sein „Ostererlebnis“, durch seine Begegnung mit dem Auferstandenen, von einem Christenverfolger zu einem glühenden Bekenner und Boten des Evangeliums. Das Ereignis der Auferstehung Jesu hat immer Menschen in Bewegung gebracht, die ihren Auferstehungs-glauben bezeugt haben.
Es liegt an uns selbst, liebe Gemeinde! Ostern kann es für uns nicht werden, wenn wir uns immer nur Gedanken über das Problem der Auferstehung machen, über ihre Möglichkeit oder Unmöglichkeit. Ostern ist nicht ein Problem meines Denkens.

Auch wenn ich die Auferstehung Jesu nicht verstehe und begreife, sie kann mein Leben grundlegend verändern. Ostern wird es für mich, wenn ich zulasse, dass die Ostersonne auch in mein Leben hineinleuchtet: in alle Nöte, in allen Kummer, in alle Trauer, die mich niederdrücken. Das Licht von Ostern leuchtet für mich, wenn ich die Erfahrung mache, dass von dem auferstandenen Christus Kräfte ausgehen, die mein Leben erneuern.
Ostern ist es geworden, wenn ich mit den Worten von Paul Gerhardt sprechen kann: „Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ; das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.“
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen